Abgeschickt von Volksgruppenkongress 2009 am 28 November, 2009 um 22:58:14:
XX. Europäischer Volksgruppenkongress 2009, Klagenfurt, November 2009
Auszüge aus: "Die Gottscheer als Teil der europäischen Erinnerungsgemeinschaft?"
Dr. Georg Marschnig
Zunächst möchte ich mich für die Einladung zu diesem Kongreß bedanken und für die Möglichkeit, hier einen kleinen Teil meiner Dissertation vorzustellen, die ich im Sommer nach einer gut fünfjährigen Beschäftigung mit der Gottschee und den Gottscheern abschließen konnte. In meinem kurzen Beitrag, dessen Titel ich nicht umsonst mit einem Fragezeichen versehen habe, möchte ich zunächst über die Bedeutung von geteilten Erinnerungen für die Herausbildung von kollektiven Identitäten sprechen, werde dann versuchen, mit Aleida Assmann den IST-Zustand der Europäischen Erinnerungsgemeinschaft zu skizzieren, um danach anhand einiger Beispiele aufzuzeigen, warum die Gottscheer eben noch nicht als Teil dieser intendierten Europäischen Erinnerungsgemeinschaft anzusehen sind, um abschließend anzudeuten, wie sich der Weg dorthin darstellen konnte. / … /
Facetten des Gottscheer Gedächtnisses
Wie bereits angedeutet, sind die von Hall definierten Merkmale einer kollektiven Selbsterzahlung nicht nur für nationale Narrative, sondern auch für Kollektividentitäten wie jene der Gottscheer anwendbar. Auch für deren offizielle Selbsterzählung 18 lassen sich die skizzierten Elemente feststellen. Unter "offizieller Selbsterzählung" ist dabei diejenige Erzählung zu verstehen, die von Seiten der offiziellen Vertretungen der Gottscheer, also den verschiedenen Landsmannschaften und Vereinen, angeboten wird.
Auch die Gottscheer haben einen im Nebel einer mittelalterlichen Vergangenheit verorteten Gründungsmythos, der davon berichtet, wie vorzügliche Kärntner und Osttiroler Bauernsöhne unter großen Entbehrurigen dem Urwald an der Kulpa im südlichen Slowenien Meter für Meter abtrotzten. Bei Erich Petschauer, der mit dem „ Jahrhundertbuch der Gottscheer" das wohl wichtigste Werk der Gottscheer Erinnerungskultur geschrieben hat, ist hierzu zu lesen: "Um den ortenburgischen Urwald gewissermaßen aufzubrechen, bedurfte es besonderer Menschen. Man konnte dazu nur junge, gesunde und mit der Landwirtschaft vertraute Bauernsohne gebrauchen."
Die bereits angesprochene Notwendigkeit eines "reinen Volkes" für eine "gelungene", mythische Selbsterzählung erklärt auch, warum in all diesen Erzählungen, die wir in verschiedenen Vereinspublikationen finden, die bereits zu diesem frühen Zeitpunkt zwischensiedelnden Slawen marginalisiert oder überhaupt verleugnet werden. Dabei steht deren Mitwirken langst außer Zweifel und ist letztlich ja auch für die Namensgebung der Region verantwortlich.
Wenn etwa in der "Gottscheer Zeitung" ständig von ,,dem Gottscheer" oder "der Gottscheerin" die Rede ist, so ist darin genau jene "Unveränderbarkeit der nationalen Identität" zu erkennen, von der bereits die Rede war.
Und auch die Herstellung von Sinn durch das bewußte Erzählen beziehungsweise Nicht-Erzählen verschiedener historischer Zusammenhange läßt sich in der Gottscheer Selbsterzählung allerorts feststellen. Der Gründungsmythos, das Immer-wieder-Erzählen des harten Lebens im slowenischen Karst, die Betonung der Leiden, die in der Zwischenkriegszeit auszuhalten waren bis hin zur Darstellung der Umsiedlung als Zwang sind alles Teil der Selbststilisierung als Opfer der Geschichte, das nichts für die eigene Entwurzelung und für die Vertreibung am Ende des Zweiten Weltkriegs kann.
Wie die historische Forschung allerdings bereits mehrfach belegte, läßt sich dieser Opfermythos freilich nicht aufrechterhalten. Längst konnte gezeigt werden, daß sich die Gottscheer so wie viele andere deutsche Minderheiten Osteuropas sehr früh dem Nationalsozialismus zuwandten. Arnold Suppan etwa berichtet, daß bereits Anfang der 30er Jahre Hakenkreuze auf den Hauswänden in der Gottschee auftauchten. Der österreichische Botschafter Orsini-Rosenberg meldete Suppan zufolge mehrfach nach Wien, daß die Gottscheer Ortsgruppe des Schwabisch-Deutschen Kulturbundes eine Kerngruppe des Nationalsozialismus in Slowenien sei.21 Dušan Neèak zu Folge trafen sich SDKB-Ortsgruppen regelmäßig zum Abhören von Hitler Reden. 22 Und laut Stefan Karner flossen nach der Übernahme des Kulturbundes durch die nationalsozialistischen "Erneuerer" "NS-Formen und Rituale, besonders in die Jugendarbeit des Kulturbundes" ein, nationalsozialistisches Gedankengut wurde also offener zur Schau gestellt.
Nicht nur diese Entwicklungen wurden in der Gottscheer Erinnerungskultur kaum diskutiert, zwei weitere wurden bis heute im Grunde gänzlich ausgeblendet. Zunächst geht es um jene Gottscheer, welche die Option nicht zogen, also die Umsiedlung verweigerten. Diese, einige hundert Menschen zählende Gruppe, die ja eigentlich - in der Diktion der Landsmannschaften - als "wahre Helden der Heimat" gesehen werden mußten, die sich selbst dem Einfluß der nationalsozialistischen Propaganda und dem Druck ihrer Landsleute nicht beugen wollten, wurden nie als solche gewürdigt.
Im Gegenteil wurden sie bis 1989 völlig negiert, um danach zwar in die ARGE der Gottscheer Landsmannschaften aufgenommen zu werden, wobei die Zusammenarbeit seither nicht immer ganz konfliktfrei gewesen ist. Als mögliche Erklärung dieser jahrzehntelangen Marginalisierung konnte freilich dienen, daß die in der Gottschee Verbliebenen den Mythos von der "Zwangsumsiedlung" klarerweise gefährdeten. Zudem durfte wohl auch die Propaganda der 40er Jahre hier Nachwirkungen gezeigt haben. Außerdem darf natürlich mit Recht gefragt werden, warum diese Gottscheer 1945 nicht vertrieben worden waren. Ein möglicher Grund dafür liegt in der zweiten stets ignorierten Entwicklung, nämlich der Partizipation einiger Dutzend Gottscheer am Partisanenkampf, was ihnen und ihren Angehörigen den AVNOJ-Bestimmungen folgend klarerweise die Vertreibung ersparte.
Die oben skizzierte Nazifizierung der Volksgruppe, einschließlich der de iure "freiwilligen" Option führte freilich dazu, daß die ins Ranner Dreieck umgesiedelten Gottscheer Deutschen von den slowenischen Partisanen als Gegner, Kollaborateure und Hochverräter gesehen werden mußten, die sie dementsprechend behandelten, was schließlich in der Vertreibung mit all ihren Grauen endete.
Die Gottscheer als Vermittler zwischen den beiden Gedächtnissen Europas ?
Die Gottscheer partizipieren also als Kollektiv an beiden Gedächtnissen Europas: Zunächst am Gedächtnis des Nationalsozialismus. Dies tun sie sowohl als Täter, die teils bewußt - hier ist an die Gruppe um den jugendlichen Volksgruppenführer Wilhelm Lampeter zu denken - teils freilich unbewußt beziehungsweise unfreiwillig mit dem Naziregime kollaborierten und sich somit zu Tätern machten. Andererseits wurden Familien, die Ihre Hauser und Dörfer nur aus falscher Treue oder Angst vom Zurückbleiben verließen, dadurch zu Opfern des Nationalsozialismus und seiner Gottscheer Schergen.
Allerdings sind die Gottscheer auch Teil des osteuropäischen Gedächtnisses des Kommunismus und seiner Verbrechen; etwa durch jene junge Männer, die sich aktiv am Partisanenkampf gegen den Okkupanten beteiligten oder ihre Angehörigen, die als Boten fungierten oder in der Versorgung der Kampfer tätig waren. Aber auch in dieser zweiten Hälfte des europäischen Gedächtnisses gibt es eine Opferperspektive die Gottscheer betreffend. Die Vertreibung aus Jugoslawien, welche die meisten Gottscheer aufgrund bestimmter Voraussetzungen am Ende des Krieges traf. Diese Opferperspektive wurde aber in der Gottscheer Erinnerungskultur nach 1945 zum zentralen Narrativ, das die anderen Dimensionen ihrer Geschichte völlig überblendete.
Die eigene Mitverantwortung, etwa die Entwaffnung der slowenischen Autoritäten durch Gottscheer Kollaborateure noch wahrend des deutschen Balkanfeldzuges 1941, die starke Nazifizierung, die vor allem von der Jugend getragene Mitorganisation der Umsiedlung, aber auch die Mitarbeit bei den Partisanen wurden vom Opfernarrativ überlagert. Selbst die gelungene wissenschaftliche Annäherung von Hans-Hermann Frensing konnte nicht zu einer kritischen Selbstreflektion führen. Die Partizipation von Akteuren des nationalsozialistischen Führungszirkels in den landsmannschaftlichen Vertretungen nach 1945 mußte zwangsläufig zu Irritationen führen - was es auch tat, wie man an verschiedenen Diskussionen im Internet beobachten kann.
Den Gottscheer Vertretungen ist es bislang noch nicht gelungen, ihre verdeutlichte Situation hart an der Grenze des gespaltenen europäischen Gedächtnisses zu nutzen und sich selbst als Vermittlungsinstanz zwischen diesen neu zu erfinden. Am Ende einer langjährigen Beobachtung der Gottscheer Zeitung und der Gottscheer Websites im Internet ist eher das Gegenteil zu konstatieren: Die offiziellen Vertreter sind sich dieser Perspektive für die Zukunft in keiner Weise bewußt. Vielmehr werden über die Gottscheer Zeitung, trotz gegenteiliger Behauptungen, die alten Frontstellungen weitertransportiert. Die in jeder Ausgabe dieses Periodikums wiederholte Forderung nach einer Entschädigung des 1945 verlorenen Vermögens zeugt von dem Unwillen, die eigene Rolle im slowenischen Nationalgedächtnis zu verstehen. Von einem dialogischen Erinnern im Sinne Assmanns kann freilich nicht gesprochen werden, wenn man den Feinden von einst vorschreiben möchte, wie diese heute als EU-Land mit ihren Gesetzen umzugehen hatten. Ähnlich unglücklich erscheinen die Angriffe auf jene, die versuchen, die Erinnerung an die eigene Vergangenheit an Internationale Standards einer kritischen Reflexion heranzuführen. Die Auseinandersetzungen um die eigene Vergangenheit, die vor allem im Internet geführt werden, zeigen allerdings, daß die Darstellung der eigenen Geschichte nach wie vor ausgehandelt wird.
Vieles wird für die Gottscheer davon abhangen, welche Ergebnisse dieser Aushandlungsprozeß in Zukunft bringen wird. Verharrt die „Community“ auf den alten, apologetischen Darstellungen, Verheimlichungen und Anschuldigungen gegenüber den Nachbarn oder gelingt es einer neuen Generation von Gottscheer Vertretern, die eigene Rolle vor und wahrend des Zweiten Weltkriegs in aller Klarheit darzustellen und der allgegenwärtigen Opferdimension auch (endlich) eine Täterperspektive beizustellen?
Erst wenn dieser Schritt getan ist, werden die Gottscheer in der Lage sein, Teil einer europäischen Erinnerungslandschaft, und somit Teil der europäischen Identität zu werden.